Ein Streifzug durch die Geschichte von Innichen

Text von Dr. Josef Passler
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Erste nachweisbare Siedler

Bruchstücke von Tongefäßen, die man am Kranzhofbühel („Simmile“) am Innichberg gefunden hat, belegen, dass die Gegend von Innichen bereits in der Spätbronzezeit (um 1.300 v. Chr.) besiedelt war (Kelten).

Die Römer gründen Littamum

Im Jahre 15 v. Chr. wurde das Pustertal unter die Oberhoheit der Römer gestellt. Im Zuge der Neuordnung des Römerreiches unter Kaiser Claudius um 50 n. Chr. wurde im Ostalpengebiet die Provinz Noricum eingerichtet, die unter anderem das gesamte Pustertal von der Mühlbacher Klause bis Lienz umfasste.  Entlang der Fernstraße, die, von Aquileja ausgehend, über Friaul, Kärnten, Ost-, Süd- und Nordtirol und Bayern bis nach Augusta Vindelicorum (Augsburg) führte, entstanden nach und nach römische Stationen, zunächst in Form von Militärstationen, so z. B. hier im heutigen Innichen die Station Littamum, die sich in etwa zwischen dem heutigen Pflegplatz im Westen, der „Burg“ im Süden, der Drau im Norden und der heutigen Johann-Scheiber-Straße im Osten erstreckte. Littamum scheint bis um 500 n. Chr. bestanden zu haben.

Wiedergründung von Innichen durch Herzog Tassilo III.
Um die Mitte des 6. Jahrhunderts waren die Slawen drauaufwärts bis nach Osttirol  vorgedrungen und hatten sich dort sesshaft gemacht. Zwischen ihnen und dem germanischen Stamm der Bajuwaren kam es ab dem Jahr 593 zu erbitterten Kämpfen, aus denen nach 20-jährigem Ringen die Bajuwaren als Sieger hervorgingen. Die Angst vor einem erneuten Einfall der Slawen blieb aber bestehen. So war es wohl kein Zufall, dass Herzog Tassilo III. von Bayern im Jahre 769 dem Abt Atto von Scharnitz einen bedeutenden Landstrich an der Ostseite der Grafschaft Pustertal, nämlich das Gebiet zwischen Welsberg und Abfaltersbach, zur Anlage eines neuen Klosters geschenkt hat, eine Gegend, die bis dahin als leer und un-bewohnbar gegolten hatte (campus gelau = Eisfeld). Mag auch in der Schenkungsurkunde als Hauptgrund der Gebietsüberlassung die Gründung eines Klosters zwecks Missionierung der Slawen angeführt sein, so dürften doch auch strategische Gründe eine entscheidende Rolle gespielt haben. Abt Atto von Scharnitz wurde 783 Bischof von Freising, was zur Folge hatte, dass Innichen mit allen Besitzungen diesem Hochstift einverleibt wurde. Der jeweilige Fürstbischof von Freising war mit einer sehr kurzen Unterbrechung (811–816 beim Erzbistum Salzburg) fortan weltlicher Herr nicht  nur über Innichen, sondern über das gesamte Hochpustertal.
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Innichen wird eine eigenständige Hofmark
Kaiser Otto I. erhob Innichen im Jahre 965 zur Herrschaft und verlieh dieser das Recht der Immunität (Reichsunmittelbarkeit). Mit einfachen Worten, Innichen wurde ein selbständiger Herrschaftsbereich, ein geistliches Fürstentum, dessen weltlicher Herr der Fürstbischof von Freising war. Um sich und seinen Nachfolgern neben der Brennerlinie noch einen weiteren sicheren Zugang durch die Alpen nach Italien zu sichern, übergab Kaiser Otto I. der Herrschaft Innichen auch weite Gebiete in der Grafschaft Treviso und in der Gegend von Vicenza. Etwas später kamen noch ausgedehnte Gebiete im Cadore dazu, so dass sich das Gebiet der Herrschaft Innichen für etwa 150–200 Jahre bis hinunter in die venetianische Ebene erstreckte. Die Herrschaft Innichen erreichte im Hochmittelalter, also im 12. und 13. Jahrhundert, ihre absolute Blütezeit. (Im 13. Jahrhundert kolonialisierten Bauernfamilien aus der Gegend von Innichen einige Landstriche in den Bergen nordöstlich des heutigen Tolmin in Slowenien und gründeten dort mehrere Gemeinden, darunter Rut, Grant und Zars (Sorica).
Das Benediktinerstift wird in ein Kollegiatstift umgewandelt

Das Benediktinerstift Innichen, das älteste Stift Gesamttirols, wurde um 1140 in ein Kollegiatstift umgewandelt. Es wurde also nicht mehr von Mönchen, von den Benediktinern, sondern von sogenannten Weltpriestern geleitet und belebt. Dieses Kollegiatstift wurde in kirchlicher Hinsicht von Freising unabhängig – es unterstand kirchlich fortan dem Bischof von Brixen – und der Freisinger Bischof war nun nur mehr, vertreten durch den Vogt, später durch den freisingischen Pfleger, weltlicher Herr über Innichen (oder über das, was letztendlich von der Herrschaft Innichen übrig geblieben war) und blieb es bis zur Säkularisation, der Auflösung aller geistlichen Fürstentümer im Jahre 1803.

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Die Vögte entreißen dem Fürstbischöf den größten Teil des Territoriums

Die Herrschaft Innichen (seit etwa 1285 als „Hofmark“ bezeichnet) erfuhr nämlich bald Bedrückungen verschiedenster Art. Wie andere geistliche Fürstentümer musste sich auch der Freisinger Bischof zum Schutz seiner Rechte und Besitzungen im Hochpustertal Vögte bestellen. Dabei war man gezwungen, die Vogtei den mächtigsten Adelsgeschlechtern zu überlassen, nämlich zunächst den Herren von Morit-Greifenstein, etwas später den Grafen von Andechs, dann den Grafen von Görz und nach deren Aussterben im Jahre 1500 den Grafen von Tirol. Aber anstatt das Gebiet des Bischofs zu beschützen, entrissen die Vögte diesem im Laufe der folgenden Jahrhunderte den allergrößten Teil seiner Besitzungen, so dass diesem am Ende nur mehr ein Bruchteil seiner einstigen Herrschaft übrig blieb, nämlich das Zentrum der Ortschaft Innichen innerhalb der drei Brücken (Tranerbrücke = heute Raffilebrücke im Westen, Schuelerbrücke = heute Botenbrücke im Osten und der Bruggen bei der Schmitten = heute Zimmererbrücke im Süden).

Innichen wird zur zweitältesten Marktgemeinde Tirols

Am 15. Juli 1303 verlieh König Albrecht II. Innichen das Wochenmarktrecht. (Innichen ist nach Matrei in Osttirol die älteste Marktgemeinde Tirols.) Durch die Verleihung dieses Marktrechtes wäre nun für Innichen die Voraussetzung gegeben gewesen, ein überörtliches Zentrum wirtschaftlichen Lebens zu werden. Es ist naheliegend, dass die Freisinger Fürstbischöfe aus Innichen eine Stadt machen wollten. Dass Innichen trotz guter Voraussetzungen eine Stadt wurde, wussten die Vögte, die Grafen von Görz, mit allem Nachdruck zu verhindern. Diesen war nämlich die Vorstellung, dass neben ihrer Residenzstadt Lienz ein zweites Handelszentrum entstehen würde, das zudem dem Hochstift Freising unterstellt war, ein Dorn im Auge. 1349 zerstörten und schleiften sie die Burg Habersberg beim Kranzhof, den Sitz der freisingischen Pfleger, und machten dadurch dem Versuch der Freisinger Bischöfe, aus Innichen eine Stadt zu machen, ein für allemal ein Ende. Die Ortsanlage, die sich nach der Markterhebung langsam entwickelte, hatte aber durchaus kleinstädtischen Charakter. Das Zentrum der Ortschaft war damals schon der Platz westlich der Pfarrkirche (heute Michaelsplatz), von wo auch die drei Hauptstraßen abzweigten: die Obergasse (Sextnerstraße)  nach Süden, die Tranergasse (Peter-Paul-Rainer-Straße) nach Westen und die Schuelergasse (Herzog-Tassilo-Straße) nach Osten. Hier entstanden auch die ersten Gasthäuser von Innichen: der Graue Bär, der Schwarze Adler, das Weiße Rössl, später auch der Fuchs Bäck oder Gasthof Wiesthaler.

Ein erster Großbrand führt zur zweiten Blütezeit Innichens
Am 16. Oktober 1413 wurde Innichen durch einen Großbrand zum größten Teil zerstört, darunter auch die Stiftskirche. Dieses an sich schreckliche Ereignis verlieh dem Marktflecken unerwartete neue wirtschaftliche Impulse. Warum? Infolge der Brandhitze war aus dem etwa 200 Jahre alten hölzernen Corpus der Kreuzi-gungsgruppe Pech ausgetreten, was von den Leuten allen Ernstes als Blut Christi interpretiert wurde. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile, und Innichen wurde schon bald einer der am häufigsten besuchten Wallfahrtsorte des Ostalpenraums. Neben Geldspenden kamen in der Folge auch zahlreiche Pilger aus allen Teilen des Habsburgerreiches und aus Bayern zum „großen Herrgott“ oder zum „Blut schwitzenden Heiland“ nach Innichen. Auch anlässlich der prunkvollen Prozessionen zu den verschiedensten Anlässen und der Aufführungen der bekannten Mysterien- oder Weihespiele strömten viele Menschen nach Innichen. Es kam zur Gründung von Bruderschaften, so der Hl.-Kreuz-Bruderschaft, einer der ältesten Bruderschaften des Landes, die nicht nur im Pustertal, sondern in allen Ländern des großen Habsburgerreiches sowie in Bayern Mitglieder hatte (1771 sollen es über 8.000 gewesen sein), die regelmäßig nach Innichen pilgerten. Gleichzeitig wurden meist auch Märkte abgehalten.  Die Pilger und Händler mussten verköstigt und beherbergt werden. Die Aufnahme und Verpflegung von Fremden war im Mittelalter nach dem ungeschriebenen Gebot der Gastfreundschaft zwar jedermanns Pflicht, doch gab es auch viele vornehme Reisende und Pilger, denen man mehr als eine bescheidene Unterkunft in Privathäusern oder in Ställen und Scheunen bieten wollte. Es kam zur Neugründung von Gasthäusern, und dass auch Kaufleute und Handwerker von dieser Frühform des Fremdenverkehrs profitierten, liegt auf der Hand. Innichen erlebte sozusagen eine zweite Blütezeit, einen wirtschaftlichen Aufschwung.
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Ein zweiter Großbrand beendet auf lange Zeit die wirtschaftliche Blütezeit Inichens
Die Blütezeit wurde aber jäh unterbrochen, als im Jahre 1554 zum zweiten Mal ein Großbrand die gesamte Ortschaft zerstörte. Mit viel Mühe und Fleiß wurde Innichen zwar wieder aufgebaut, seine einstige Größe und Bedeutung konnte es jedoch in den kommenden Jahrhunderten nicht mehr erreichen, umso mehr, als während des 30-jährigen Krieges in den Jahren 1634 bis 1636 die Pest viele seiner Bewohner dahinraffte. Erst im 18. Jahrhundert erlebte Innichen wieder eine wirtschaftliche Erholung, wobei es besonders das Handwerk zur Blüte brachte. Erinnert sei hier nur an die Innichner Handschuhmacher, die europaweit und sogar in Amerika einen hervorragenden Ruf genossen. Der Vollständigkeit halber wird angeführt, dass große Teile von Innichen ein drittes Mal, nämlich im Jahre 1735, einem Großbrand zum Opfer fielen. Auf die zweimalige Aufhebung des Stifts durch Kaiser Joseph II. (1785) bzw. durch die Bayern (1808) und dessen zweimalige Wiedererrichtung (in vereinfachter Form) durch Kaiser Franz II. (1798 und 1818) kann hier aus Platzgründen nicht näher eingegangen werden.
Ende der „Herrschaft“ des Fürstbischofs von Freising über Innichen

1803 wurden im Zuge der Säkularisation die vielen geistlichen Fürstentümer aufgelöst und deren Besitzungen in der Regel den umliegenden weltlichen staatlichen Gebilden eingegliedert. So endete auch in Innichen die Herrschaft des Fürstbischofs von Freising (oder was davon übrig geblieben war); Innichen kam zu Tirol, zum Bezirksgericht Sillian und zur Bezirkshauptmannschaft Lienz.

Wirtschaftlicher Aufschwung durch das Aufkommen des Fremdenverkehrs
Eine gewaltige Zäsur in der Geschichte von Innichen stellt die Eröffnung der Pustertalerbahn im Jahre 1871 dar. Sie wurde zwar, ähnlich wie die Dolomitenstraße 1860 bis 1909, vorwiegend aus strategischen Gründen in einer Rekordzeit von nur zwei Jahren gebaut, veränderte aber grundlegend das bestehende Wirtschaftsgefüge des gesamten Pustertals und somit auch Innichens. Einerseits bedeutete die Inbetriebnahme der Bahn das Ende des Transitverkehrs über den Kreuzberg und das Ende vieler heimischer Gewerbebetriebe, andererseits gab sie dem kurz vorher aufgekommenen Tourismus, insbesondere dem Alpintourismus (begünstigt  durch die Gründung der Sektion Hochpustertal des Deutsch-Österreichischen Alpenvereins im Jahre 1878), neue starke Impulse und führte zu einem ungeahnten Aufschwung auf wirtschaftlichem Gebiet. Denn so wie heute profitierten schon damals neben dem Baugewerbe auch andere Wirtschaftszweige vom Tourismus. Es kam geradezu zu einem Bauboom. Die Zahl der Gastbetriebe verdoppelte sich in kurzer Zeit; es entstanden aber auch viele private Wohnungen, die zum Teil als Ferienwohnungen an Feriengäste vermietet wurden. Eine führende Rolle unter den Gastbetrieben spielte damals das „Grand-Hotel Wildbad“. Das Wildbad liegt inmitten des Waldes unterhalb der St. Salvator Kapelle. Ende des 16. Jahrhunderts ist es erstmals erwähnt. Seit dieser Zeit gibt es einen bescheidenen Badebetrieb, vorderhand für Leute aus der näheren Umgebung, die das heilkräftige Wasser nützen. Das Wildbad wechselte  oftmals seinen Besitzer. Im Jahre 1856 erwarb es der aus Landeck stammende Gemeindearzt Dr. Johann Scheiber und baute es zu einem damals auf der Höhe der Zeit stehenden Kurzentrum aus, das um die Jahrhundertwende von seiner Tochter Hermine Scheiber, die den Grafen Beckers aus Budapest heiratete, noch vergrößert und zu einem Grand-Hotel umgebaut wurde, dessen Gäste vorwiegend aus der österreichisch-ungarischen und deutschen Aristokratie stammten. Auch der spätere deutsche Kaiser Friedrich III. (gestorben nach einer nur  100 Tage währenden Regierungszeit am 15. Juni 1888) war Gast im Wildbad Innichen. Nach dem 1. Weltkrieg blieb diese Gästeschaft aus. Gräfin Hermine Beckers-Scheiber, die sich durch den Ausbau übernommen hatte, konnte ihre Schulden nicht mehr bezahlen, das Hotel wurde von den Gläubigern regelrecht geplündert und zerfiel. Heute deutet nur mehr eine Ruine auf die ehemalige Pracht dieses Hotels hin. Im Zusammenhang mit dem Wildbad sei noch eine Einrichtung erwähnt, mit der Innichen im ausgehenden 19. Jahrhundert allen anderen Pustertaler Orten voraus war, nämlich die damals schon beinahe drei Jahrhunderte alte Apotheke, von der hauptsächlich die Gäste des Wildbades mit Medikamenten versorgt wurden. Zudem hatte der Innichner Apotheker Johann Stapf im Jahre 1850 die erste Pulverisierungs-anstalt der Donaumonarchie geschaffen und mit seinen Präparaten alle Apotheken Österreich-Ungarns beliefert. Ebenso hatte Innichen seit 1857 ein öffentliches Krankenhaus, das besonders von den Wildbadgästen sehr geschätzt wurde. Auf Drängen der Bürgerschaft von Innichen, insbesondere der Gastwirte, Kaufleute und Handwerker, erbaute die Gemeinde in den Jahren 1908-1911/12 um ca. 650.000 Kronen die Kaiser-Franz-Josefs-Kaserne, in welcher das Landesschützenregiment Nr. III Innichen untergebracht wurde (heutige Cantorekaserne). Man hoffte, dass sich Innichen dadurch zu einem kleinen Garnisonsstädtchen entwickeln würde. Es ist bemerkenswert, dass es, zum Unterschied von anderen aufstrebenden Fremdenverkehrsgemeinden, in Innichen keine Gegenbewegung von kirchlicher Seite gegen den Tourismus gab. Dies ist wohl in erster Linie dem gegenüber allem Neuen sehr aufgeschlossenen Dr. Josef Walter, von 1887 bis 1915 Propst von Innichen, zu verdanken. Er sah im Unterschied zu vielen Dorfpfarrern im Fremdenverkehr nicht unbedingt eine Gefahr für Glauben und gute Sitten, sondern er unterstützte das Vereinsleben und war besonders an der Tätigkeit des im Jahre 1893 gegründeten Verschönerungsvereins interessiert.
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Die Zerreißung Tirols infolge des ersten Weltkrieges

Dem wirtschaftlichen Aufschwung, ja dem erreichten bescheidenen Wohlstand bereitete der 1. Weltkrieg ein abruptes Ende. Die Folgen des 1. Weltkrieges für unser Land, insbesondere die Angliederung Südtirols und (im Widerspruch zum Londoner Geheimvertrag vom April 1915) der geographisch zu Osttirol gehörenden Gemeinden Sexten, Innichen, Vierschach, Winnebach und Innichberg an Italien, sind hinlänglich bekannt: Die über Jahrhunderte natürlich gewachsenen politischen, wirtschaftlichen, kulturellen, familiären und sozialen Verbindungen zwischen Innichen und dem benachbarten Osttirol wurden jäh abgebrochen. Dass Innichen infolge des Kriegsausgangs zu den Siegerstaaten gehörte, während Osttirol sich auf der Seite der Verlierer wiederfand, trug das Seine dazu bei. 

Innichen in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen
Durch die Errichtung der Grenze in Winnebach wurde Innichen Grenzort und Zollbahnhof. Die mit diesen neuen Funktionen verbundenen Dienste (Polizei, Carabinieri, Finanzbeamte, Zollbeamte, Eisenbahner usw.) wurden – wie die vielen, südtirolweit unter dem Faschismus geschaffenen Stellen im öffentlichen Dienst – fast ausschließlich von Angehörigen der italienischen Sprachgruppe versehen, was einen starken Zuzug aus den „alten“ italienischen Provinzen zur Folge hatte. So zählte Innichen bei der letzten Volkszählung unter Österreich im Jahre 1910 2473 Einwohner (davon 357 Personen in Vierschach und 284 in Winnebach), wovon sieben Personen der italienischen Sprachgruppe angehörten. Bei der Volkszählung 1961 zählte die Gemeinde Innichen 2981 Einwohner, davon waren 834 Italiener.  In Innichen waren außerdem viele Heeresbedienstete beschäftigt (neben der bereits bestehenden Cantore-Kaserne wurde in den 1930er Jahren noch die Drusus-Kaserne gebaut), was zur bemerkenswerten Präsenz an italienischsprachiger  Bevölkerung wesentlich beigetragen hat. Im Übrigen durchlebte Innichen, wie alle anderen Gemeinden Südtirols, unter der faschistischen Diktatur und insbesondere infolge des Optionsabkommens zwischen Hitler und Mussolini im Juni 1939, schwere Zeiten. Dieses Abkommen stellte die SüdtirolerInnen deutscher und ladinischer Muttersprache vor die Entscheidung für das „Großdeutsche Reich“ zu optieren und auszuwandern oder für Italien zu stimmen und im Lande zu bleiben, aber ihre Nationalität und Kultur aufzugeben. Mit Königlichem Dekret Nr. 2974 vom 18. Oktober 1928, gefertigt von Benito Mussolini,  wurden die bis dahin selbständigen Gemeinden Vierschach, Winnebach und Innichberg mit der Gemeinde Innichen zusammengelegt. Innichen-Markt, Innichen-Berg, Vierschach und Winnebach blieben als Katastralgemeinden bzw. als Fraktionen bestehen. Dieser Maßnahme kann eine gewisse Vernunft nicht abgesprochen werden, eine weitere, der Bau der Umfahrungsstraße (heute Pustertalerstraße), erwies sich für Innichen zweifellos als vorteilhaft: Der motorisierte Verkehr von und nach Osttirol bzw. Bruneck wurde im Norden von Innichen vorbeigeführt und das Ortszentrum verkehrsmäßig entlastet. Der Verkehr (PKW, LKW, Busse, Motorräder) von und nach Sexten-Kreuzbergpass-Udine-Triest wickelte sich weiterhin durch das historische Zentrum von Innichen ab. Erst in den 1990er Jahren wurde durch den Bau der süd-westlichen Umfahrungsstraße (Pizach- und Schranzhoferstraße) auch dieser Verkehr umgeleitet und das historische Zentrum als Fußgängerzone ausgewiesen.
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Innichen nach dem 2. Weltkrieg
In den letzten Jahren des 2. Weltkrieges war der Bahnhof von Innichen wiederholt das Ziel feindlicher Fliegerangriffe, die auch zu Opfern unter der Zivilbevölkerung führten. Einem solchen Fliegerangriff, bei dem ein Munitionszug am Innichner Bahnhof beschossen wurde, fiel am 3. März 1945 auch das Franziskanerkloster zum Opfer, das bis auf die Grundmauern abbrannte. Nach der großen Überschwemmung des Jahres 1882 wurde Innichen am 3./4. November 1965 ein weiteres Mal schwer in Mitleidenschaft gezogen. Wie durch ein Wunder waren keine Menschenleben zu beklagen, der materielle Schaden war jedoch, besonders in der Untergasse, enorm. Nachdem das wirtschaftliche Leben in der Zwischenkriegszeit beinahe zum Erliegen kam, ging es ab den 1950er Jahren, also nach Ende des 2. Weltkrieges, wieder langsam aber kontinuierlich aufwärts. Innichen entwickelte sich zu einem sehr beliebten Fremdenverkehrsort, der vor allem von italienischen Gästen gerne aufgesucht wird. Neben öffentlichen Einrichtungen (z. B. Krankenhaus) hatte die Errichtung von Skipisten und Aufstiegsanlagen wesentlichen Anteil an dieser positiven Entwicklung.  Am 6. Jänner 1956 wurden am Haunold auf Initiative einiger Gastwirte der erste Einmann-Sessellift und eine Skipiste eröffnet. Weitere Skilifte und Pisten erhöhten in den folgenden Jahrzehnten das Angebot des Skigebietes unterhalb des Haunolds. Parallel dazu erfolgte seit den 1970er Jahren die Erschließung des Helms als Skigebiet. Infolge des Beitritts Österreichs zum Schengener Abkommen fielen am 1. April 1998 die Grenzbalken bei Winnebach/Arnbach. Seitdem ist der Grenzübertritt (ausgenommen in Ausnahmesituationen) ohne Reisepass, ohne Wartezeiten und ohne Formalitäten möglich, was sicher dazu beiträgt, dass die alte, traditionsreiche Verbindung zwischen Innichen und Osttirol wieder hergestellt wird und sich somit der Kreis wieder schließt.
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