St. Silvester auf der Alm

Der Standort dieses Heiligtums an der höchsten Stelle des Silvestertals, das von Winnebach bis Toblach/Wahlen parallel zum Haupttal verläuft und wie dieses ein Passtal ist, wurde von Archäologen als vorgeschichtliche Wallburg eingestuft. Die vorchristlichen Kultstätten unseres Landes befinden sich fast ausnahmslos an hochgelegenen Stellen, daher ist es nicht ausgeschlossen, dass auch das Silvesterkirchlein eine solche Opferstätte der vordeutschen Hirten dieser Gegend als Vorläuferin gehabt haben könnte.

Die Sage berichtet, ein christlicher König habe hier eine heidnische Kultstätte mit vielen Götzenbildern zerstört und dafür ein christliches Heiligtum erbauen lassen. Der vorchristliche Aberglaube habe sich allerdings nicht so schnell ausrotten lassen, und vor dem Kirchlein habe ein Lärchenbaum gestanden, behängt von den Hirten mit allerlei Figuren von Pferden, Kühen, Schafen u. a. Die vielen Wallfahrer verehrten diesen Lärchenbaum, ohne das Kirchlein besonders zu würdigen. Um diesen heidnischen Brauch zu beseitigen, so die Legende, habe ein Pfarrer die Lärche fällen lassen. Daraufhin knieten die frommen Betenden aber vor dem Baumstumpf, und auch jetzt besuchte nicht jeder auch das Kirchlein. An den Stumpf können sich einige wenige noch erinnern, und ebenso daran, dass es nicht weit davon eine tiefe Höhle mit allerlei „altem Gerümpel“ gab: Kreuze, Masken, Wachsstöcke, Krücken u. v. m. Im Jahre 1917 brach ein großer Teil des Geländes vor dem Kirchlein samt dem Lärchenstumpf ab und stürzte in die Tiefe, ein kleiner Rest der Höhle blieb aber noch erhalten. Viele Wallfahrer binden heute noch mit Grashalmen zwei Lärchenzweiglein kreuzförmig zusammen und stellen sie in die Höhle. Findet der Kreuzlsetzer im nächsten Jahr sein Kreuzlein noch unversehrt wieder, so wird er nach altem Glauben das ganze Jahr hindurch Glück haben. So lebt das heidnische Brauchtum in vorchristlicher Form an diesem Ort auch jetzt noch unbeirrt weiter.
Man kann davon ausgehen, dass schon die vordeutschen Siedler vom Bischofssitz in der römischen Siedlung Aguntum aus missioniert wurden. Vielleicht fanden die Missionare in diesem Almtal die Opferstätte eines Deus Silvester oder Waldgotts vor, der sich leicht in einen heiligen Silvester umfunktionieren ließ, zumal die Heiligenverehrung im 6. Jahrhundert bereits im gesamten Norikum verbreitet war und St. Silvester darüber hinaus als Patron der Bauern und Haustiere galt. Abgesehen von dieser ersten, nur oberflächlichen Christianisierung wurde von der Zerstörung Aguntums im Jahre 612 bis zur Gründung des Benediktinerklosters Innichen 769 die Bevölkerung nicht seelsorglich betreut; und auch danach konnte die Betreuung nur mangelhaft sein, da den wenigen Mönchen des Klosters, die sich zudem mehr dem beschaulichen Leben widmeten, das ganze Hochpustertal anvertraut wurde. So lebte erneut viel Heidnisches auf, was wohl zur Folge hatte, dass St. Silvester eher in einem christlich-heidnischen Flimmerlicht betrachtet wurde.
Zu einer intensiveren seelsorglichen Betreuung kam es erst um die Mitte des 12. Jahrhunderts, als in der Amtszeit des seligen Bischofs Otto von Freising die das gesamte Hochpustertal umfassende Urpfarre Innichen in die Pfarreien Niederdorf, Toblach, Innichen und Sillian aufgeteilt wurde. Dies geschah in der Zeit der hochmittelalterlichen Binnenkolonisation, in deren Verlaufe die unterhalb des Silvesterkirchleins liegenden Höfe Mittereggen, Wieslehen, Wegefeld, Strickhof und Egarten entstanden. Seit ca. 1800 dienen sie nur noch als Almen; davor waren sie ganzjährig bewirtschaftete Schwaighöfe, die aber neben der Viehwirtschaft auch Getreideanbau betrieben, wie den alten Abgabeverzeichnissen zu entnehmen ist. Dank ihrer Lage in einer Höhe von 1900 m gehörten sie zu den höchsten Ackerbauhöfen Tirols. Das Silvesterkirchlein wurde um 1150 hauptsächlich zur seelsorglichen Betreuung dieser Hochsiedlung erbaut und war mit einer im Sommer und Frühherbst bewohnten Einsiedelei verbunden. Vorher gab es wohl nur den in die vorchristliche Zeit zurückreichenden Lärchenbaumkult. Die Kapelle wurde um 1440 erweitert, 1441 neugeweiht und 1455 von Kardinal Nikolaus Cusanus von Brixen mit Ablässen ausgezeichnet.
Malerisch steht der Bau mit seiner seitlichen Fassadenglockenmauer mitten in den weiten Almgeländen. Das Innere besteht aus einem einfachen, rechteckigen Saal mit flacher Holzdecke, an dessen Ostseite eine kleine Apsis anschließt. Die vorromanische Kirchenbauart ist hier in beispielhafter Reinheit erhalten. Der Gemäldezyklus, ein Werk der Brixner Malerschule – wahrscheinlich Meister von Klerant –, entstand zwischen 1450 und 1460. An der Leibung des Chorbogens sieht man Darstellungen der Heiligen Petrus, Paulus, Ingenuin und Albuin, an der Rückseite des Bogens das Schweißtuch haltende Engel. Die gesamte Apsis ist mit Fresken bedeckt, von rechts nach links: Maria mit dem Jesukind, Silvester, Nikolaus und die Stiftspatrone Candidus und Korbinian, Verkündigung, Geburt Christi, Anbetung der Könige und Aufopferung im Tempel. Die Darstellungen in den Fensterleibungen zeigen die besonders gelungene Mariä Heimsuchung sowie Katharina und Dorothea.
Nachdem Kaiser Joseph II. das Kirchlein im Jahre 1786 entweihen ließ, wurde es über hundert Jahre lang dem Zahn der Zeit überlassen. Erst 1898 wurde es wieder instand gesetzt, wobei der Haller Maler Alfons Siber die Fresken nicht nur – nach den damaligen Methoden – restaurierte, sondern auch ergänzte, und zwar in einer so meisterhaften Weise, dass man bei der im Jahre 1986 durchgeführten Restaurierung oft nicht feststellen konnte, was zur ursprünglichen Malschicht gehört und was von Siber stammt.
Die von den erwähnten aufgelassenen Höfen gebildete Almsiedlung ist ein malerischer und stimmungsvoller Teil der Südtiroler Kulturlandschaft und ein Denkmal der hochmittelalterlichen Rodungs- und Siedlungsleistung. Der Mitteregger, so wird erzählt, galt einst als der reichste und angesehenste Bauer von Winnebach. Der mündlichen Überlieferung nach durfte die Christnachtmette erst beginnen, wenn auch er eingetroffen war: Nachdem er feierlich in die Kirche eingezogen war, habe er dem wartenden Pfarrer am Altar ein geschmücktes Opferlamm überreicht, und dann erst habe man mit der Mitternachtsmette begonnen.
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